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Interview

PfeilHelge Schneider
Helges musikalische Revolution
Gaga-Songs wie „Katzeklo” und „Es gibt Reis, Baby” machten Helge Schneider zu einem der beliebtesten Komiker der Deutschen. Der 64-Jährige aus Mülheim an der Ruhr hat mit „Partypeople (beim Fleischer)” eine neue Platte aufgenommen. PUBLIC-Autor Olaf Neumann sprach mit Schneider über Politsongs, Alkohol und wahre Unabhängigkeit.
Helge Schneider

Herr Schneider, Ihr neuestes Album erscheint als CD- und als Vinyl-Edition. Sind Sie leidenschaftlicher Plattensammler?
Ich habe nur die Platten zuhause, die mich mein Leben lang begleitet haben. Ein paar davon habe ich verliehen und nicht wiedergekriegt. Das ist besonders traurig, weil es die Platten waren, mit denen ich mich am meisten beschäftigt habe. Zum Beispiel eine Live-LP von Jimmy Witherspoon wurde mir von einer Unbekannten geklaut. Danach war ich vier Tage krank. 40 Fieber! Zu Glück gibt es ja jetzt YouTube. So konnte ich die Platte wieder hören. Das Internet hat auch seine guten Seiten.

Wie kam es 1975 zu Ihrer allerersten Platte?
Meine erste Plattenproduktion habe ich bei einem Musikwettbewerb gewonnen – zusammen mit der Gruppe Trademark, weshalb wir uns diese Schallplatte teilten. Jeder hatte eine Seite. Ich glaube, ich habe noch ein Exemplar. Die Platte ist 1975 in einer Auflage von 600 Stück erschienen und später als CD wieder aufgelegt worden. Sie hatte keine Hülle, sondern war in Packpapier mit einem schwarzen Aufdruck und dem Foto der jeweiligen Gruppe eingeschlagen. Ein unmögliches Möbelhaus hatte damals diesen Jazzwettbeweg veranstaltet, bei dem Albert Mangelsdorff und Wolfgang Dauner als Juroren fungierten. Ich bin da mit meinem Trio und eigenen Stücken aufgetreten.

Haben Sie damals schon lustige Lieder gemacht?
Wenn wir mal die Chance hatten aufzutreten, habe ich zwischen den Liedern Quatsch gemacht. Bei diesem Jazzwettbewerb mussten wir nachmittags spielen und konnten drei Wochen später in Düsseldorf in ein professionalles Studio gehen. Dafür bekamen wir später 300 Platten ausgehändigt. Ansonsten ist das Album überhaupt nicht ausgewertet worden. Ich weiß nicht, ob da überhaupt das Möbelhaus draufsteht, aber ich guck gleich mal nach.

Eine Schallplatte war in den Siebzigern von ganz anderer Bedeutung als heute, wo immer wieder vom Tod des Albums die Rede ist. Warum machen Sie Platten?
Ich mache heute Schallplatten aus Liebhaberei. Es sieht einfach gut aus. Ich mache das alles selbst. Ich habe alles abgestoßen und mache auch keine Verträge mehr mit großen Plattenfirmen, weil mir die Art der Vermarktung nicht gefällt.

Wurden Ihre Qualitäten von den Plattenfirmen immer gewürdigt?
Natürlich, sonst wäre es nicht zu einer fruchtbaren Zusmamenarbeit mit Bernd Kowalzik von Roof Music gekommen, die über 30 Jahre gewährt hat. Dort habe ich 1983 meine erste offizielle Schallplatte gemacht, „Seine größten Erfolge”. Zur selben Zeit drehte ich mit Werner Nekes den Film „Johnny Flash”.

Wozu braucht man heutzutage noch Plattenfirmen?
Das weiß ich auch nicht, aber vielleicht hat die Schallplatte ja eines Tages ein Comeback.

Heute sind Sie als Künstler ganz und gar unabhängig. Können Sie mit dem Begriff „Indie” etwas anfangen?
Garage-Sound hieß das damals auch. Garageband ist heute ein Programm von Apple. Meine Band ist keine richtige Garagenband. Ich habe einen tollen Blues-Gitarristen, den Henrik Freischlader aus Wuppertal und den total motivierten Drummer Thomas Alkier aus Berlin, der sonst bei den Nighthawks spielt. Unser Bassist Ira Coleman lebt in New York. Eine Garagenband müsste sich eigentlich öfters treffen und immer in einer Garage spielen, dann auf Tournee gehen und wieder in die Garage zurückkehren. So ist das bei uns nicht mehr, obwohl wir vor einer Tournee auch mal drei Tage proben. Auch in meiner Garage.

Ira Coleman trat vor zehn Jahren der Band von Sting bei. Sind Ihre Tourneen von Stings Terminplanungen abhängig?
Ich glaube, im Moment ist Ira Coleman nicht mit Sting unterwegs, sondern mit der Sängerin Dee Dee Bridgewater und den Blind Boys Of Alabama in den USA.

Auf Ihrem Album spielen Sie keine Alte-Herren-Mucke, sondern moderne Dance-Rhythmen. Welcher Sound schwebte Ihnen vor, als Sie ins Studio gingen?
Wenn ich morgens aufstehe, mache ich immer das Radio an. Dann höre ich zum Beispiel diese moderne Musik mit nur ein oder zwei Harmonien, das muss wohl heute so sein. Davon beeinflusst ist natürlich auf meine aktuelle Musik. Das hört sich im Radio alles wahnsinnig wichtig an, obwohl die Texte absolut hanebüchen sind. Im Grunde genommen ist mein „Dance to the Music” eine Satire auf die Stereotypen von heute. Es soll ruhig auch mal nerven.

Wie haben Sie die Platte aufgenommen?
Ich habe die Songs entweder alleine oder zusammen mit Henrik Freischlader gemacht. Manchmal haben wir nur mit Saxofon und Gitarre drauflosgespielt. So ist zum Beispiel „Ich bin der Party People” entstanden, wo aber zufällig Peter Thomas das Schlagzeug bedient. „This Is A Political Song” hingegen haben wir so eingespielt, wie man es auf der Platte hört.

Sie machen jetzt auch Politsongs. Bewirkt es etwas, die Stimme zu erheben?
Kunst ist subversiv. Sie hat sicherlich eine Macht im Untergrund, oft auch auch über Jahrhunderte verspätet. So ist eben Kunst. Der „Political Song” ist eigentlich eine Persiflage, aber nicht nur auf den Politsong, sondern auch auf das, was uns bewegt. Heute zentriert sich alles auf den amerikanischen Präsidenten. Klima, Geld, Krieg. Von den Medienberichten über ihn wird man fast erschlagen, deshalb heißt es in dem Song auch „Trump, Trump, Trump!” Im Grunde genommen sage ich in dem Song gar nicht viel, aber der Hörer muss trotzdem über das Gesagte nachdenken. Ist das schon Aufruf zur Revolution?

Das Stück „Einkaufen” ist ein Kurzhörspiel über Menschen, die sich gerne reden hören. Was hat Sie dazu inspiriert?
So wie in dem Stück sind die Leute wirklich. Sie erzählen manchmal nur von sich. Ich habe einfach das Tonband angemacht und angefangen zu quatschen, ohne mir vorher Gedanken gemacht zu haben. Dabei habe ich das Tonband auf langsam gestellt, damit ich eine hohe Stimme habe, dann habe ich es schneller gedreht. Die beiden Stimmen fallen sich immer gegenseitig ins Wort. Das ist Jazz. In der zweiten Hälfte der Platte findet sich eine Ballade, auf der ich zuerst Klavier und dann Saxofon spiele, einfach improvisiert. Es hört sich aber irgendwie schön an, und deshalb kam es auf die Platte. So mache ich das jetzt immer. Ich bin ja nicht an eine große Plattenfirma gebunden, wo sowas wahrscheinlich nicht möglich wäre.

Kann man das, was Sie machen, als Avantgarde bezeichnen?
Ich zeige auf, dass man alles machen kann. Hauptsache, es gefällt mir selbst! Wie es anderen gefällt, ist mir erstmal egal. Der Rest ergibt sich. Ich stelle fest: Avantgarde!

Machen Sie nur noch Schallplatten für den harten Kern?
Das weiß ich gar nicht. Das haben sich schon Leute angehört, die nicht zum harten Kern gehören. Die können damit etwas anfangen. Vor allen Dingen, wenn man es auf CD im Auto hört. Wenn man sich auf den verschiedenen Autobahnen in Deutschland durch den Verkehr wühlt, hat man wenigstens Spaß dabei.

Fahren Sie bei Ihrer Sommertour mit dem eigenen Wohnmobil von Stadt zu Stadt?
Ja natürlich. Soll ich zu Fuß gehen? Und manchmal fühle ich mich in den Garderoben nicht wohl. Im Wohnmobil habe ich meine Ruhe, darum geht's mir.

Kommen Ihnen auf nächtlichen Autofahrten die Ideen zu Ihren skurrilen Hörspielen?
Ja, bestimmt, Aber sie kommen mir eigentlich überall. Ich muss dazu nicht unbedingt im Wohnmobil, auf dem Motorrad oder in der Badewanne sein. Manchmal kommen mir Ideen in dem Moment, wo ich denke, ich müsste mal was machen. Unter dem Stern der Arbeit. Aber manchmal habe ich auch spontane Ideen, die ich versuche zu behalten, aber auch wieder vergesse. Das gehört dazu. Ich mache mir darüber nicht so viele Sorgen, dann ist es eben weg. Irgendwann taucht es wahrscheinlich wieder auf.

Wie häufig üben Sie?
Ich übe gar nicht richtig. Ich lasse lieber den Zufall die Sache machen. So war das auch bei der neuen Platte. Ich habe dabei keine Strategie verfolgt, sondern einfach aufgenommen, wozu ich Lust hatte. Mal hier, mal da. Und dann habe ich noch eine alte Aufnahme dazugenommen, weil das irgendwie passte. Für mich ist das wie eine Ausstellung. Zwölf verschiedene Bilder, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben, aber trotzdem zusammenpassen.

In „Leber Blues” warnen Sie vor Alkoholmissbrauch. Haben Sie sich anfangs mit Alkohol in Stimmung gebracht?
Nicht, dass ich mich erinnern könnte. Ich glaube, dass ich mich nicht extra in Stimmung bringen muss. Das Prozedere meines Berufes bringt mich schon im Stimmung genug.

Das Album erscheint zufällig zu Ihrer Gastspielreise „Pflaumenmus – die Tournee zum Mus”. Was reizt Sie daran, Stücke wie „Lonely Pony” oder „Kirmes Blues” live zu spielen?
„Lonely Pony” ist ein toller Westernsong. Den haben wir schon im Frühjahr gespielt. Carlos kriegt bei dem Song immer einen Riesenapplaus für den Mittelteil, den er auf der andalusischen Dulcaima spielt. Das ist eine hölzerne Tröte mit einem Fagott-Mundstück. Die Leute finden das gut, weil es authentisch ist und wir den Song unheimlich gerne spielen. Das ist das Geheimnis bei allem, was wir machen. „Dance To The Music” können wir auf 20 Minuten ausdehnen, weil ich dazu immer etwas Neues erfinden kann. „Ich drück die Maus” und „Klapperstrauß” waren ähnlich tolle Songs. Dazu kann ich wunderschön tanzen, weil sie so funky sind. Auch das ist wichtig.

Warum treten Sie noch immer so oft live auf?
Ich mache das nicht nur für mich, damit ich Geld verdiene. Das ist ein Auftrag, das macht ja Spaß, wenn die Leute alle froh und glücklich sind. Und man selber auch. Würde man es nur wegen der Kohle machen, kann man gleich zuhause bleiben. Das geht ja nicht.

Haben Sie für die Show neue Tanzschritte eingeübt?
Nee. Aber ich habe mal einen super guten Tänzer aus Äthiopien kennengelernt. Er hat einen Tanzstil, bei dem er mit den Schultern zittert. So was würde ich gerne können. Der Typ hat einen Waschbrettbauch. Seine Haut fühlt sich an wie Holz. Habe ich ja nicht, ne.

Wie bereiten Sie sich mental auf eine Tournee vor?
Das mentale Vorbereiten bezieht sich eher darauf, mir zum Beispiel einen tollen E-Bass zu besorgen. Oder eine Orgel, die man zusammenklappen kann. Ein Instrument, mit dem man wenig Arbeit hat, aber schön mit spielen kann. Und dann male ich mir aus, dass wir einfach losfahren und spielen. Das Schöne an der aktuellen Band ist, dass wir gut improvisieren können. Wir müssen nicht unbedingt ein Stück einstudieren. Ich weiß gar nicht, ob wir viel proben werden. Die Songs auf der neuen Platte können wir auf jeden Fall spielen - und dann krame ich wieder etwas raus, was ich sonst noch gut finde. Zum Beispiel „Wurstfachverkäuferin”, oder ich singe einen anderen Text bei „Katzeklo”. Bei diesen Liedern sind die Möglichkeiten zur Improvisation vollkommen offen. „Katzeklo” kann ich mit anderem Text und sogar anderer Musik spielen. Meine Jungs wissen das. Aber Henrik kann auch ein tolles Bluessolo spielen.

Wie fühlt es sich an, mit Henrik Freischlader zu arbeiten, der die verschiedensten Spielarten drauf hat?
Der Henrik ist einfach ein netter Kerl und sehr musikalisch. Wir kommen unheimlich gut miteinander klar, egal, ob ich Klavier oder Gitarre spiele. Er ist zudem ein guter Schlagzeuger. Ich krame immer irgendwelche besonderen Gitarren raus, die er dann spielen soll. Ich habe eine Sammlung, das ist ja nicht mehr schön: Alte Gibson-Gitarren und eine Stratocaster von 1960. Meine original Birdland Jazzgitarre ist mir leider geklaut worden. Aber in den letzten zwei Jahren habe ich mir ungefähr 60 Gitarren gekauft. Die sind bis jetzt alle immer gespielt worden.

Besitzen Sie auch berühmte Gitarren?
Nein. Ich habe aber eine kleine alte Gibson. Ich könnte mir vorstellen, dass da in den 1950er Jahren Freddy Quinn drauf gespielt hat.

Was geschieht im Leben eines Vollblutmusikers abseits des Rampenlichts?
Man vermisst das Touren manchmal, wenn man regelmäßig unterwegs ist. Nach vier Monaten sehnt man sich wieder danach. Und davon wird auch der Alltag geprägt, so dass man immer wieder mit den Jungs telefoniert. Ich spiele immer auf dem Saxofon etwas Neues oder andere Melodiefolgen. Es geht so seinen Weg. Und wenn wir dann auf Tournee gehen, kann ich etwas Neues mitbringen.

Helge Schneider steht auf der kommenden Tournee „Die Wiederkehr des blaugrünen Smaragdkäfers” am 15. März 2020 auf der Bühne im Kuppelsaal in Hannover.


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