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Interview

PfeilNada Surf
Indie-Pop gegen Depri-Laune
Das Trio Nada Surf beherrscht die Kunst, Songs über Hintergründiges im alltäglichen Leben zu schreiben. Pulitzer-Preisträgerin Jennifer Egan nennt sie deshalb ihre Lieblingsband. Vier Jahre nach ihrem letzten Album mit eigenen Songs veröffentlichen die New Yorker nun „The Stars Are Indifferent To Astronomy“. Matthew Caws, Ira Elliot und Daniel Lorca beweisen mit schwelgerisch schönen Gitarren-Pop-Perlen, dass gut Ding tatsächlich Weile haben will. Olaf Neumann traf sie in Berlin.Therapy?

Nada Surf hat in Europa einen relativ hohen Bekanntheitsgrad. Sie gelten hier als Helden der Indie-Szene. Befeuert das Ihre Kreativität?

Matthew Caws: Von äußerlichen Dingen sollte man sich grundsächlich frei machen. Der kreative Prozess ist im Prinzip immer der gleiche. Wir warten einfach, bis uns genügend neue Songs eingefallen sind, die man zu einem Album zusammenfassen kann – und los geht’s. Der einzige Plan war diesmal, uns diese spezielle Energie zu bewahren, die am Anfang des Schaffensprozesses in uns brodelte. Zu dem Zeitpunkt spielen wir nämlich immer eine Spur wilder als sonst. Im Studio müssen wir davon wieder ein bisschen Abstand nehmen, wir wollen ja etwas Perfektes erschaffen, ohne uns dabei künstlerisch einzuschränken. Das ist ein nervenaufreibender Prozess. Herausgekommen sind diesmal zehn prächtige Songs. Wenn wir die neuen Sachen live spielen, ist es immer ein Gefühl, als kämpfte die wilde Live-Band Nada Surf gegen ihr würdevolles Studio-Alter Ego. Diese beiden Seiten wollten wir mit der neuen Platte einmal aufzeigen.

 

Man hat den Eindruck, Nada Surf wollten nie das größte Ding der Welt sein, es ging Ihnen scheinbar immer darum, Musik zu machen. Sind Sie mit dem Jetzt-Zustand zufrieden oder müsste es eigentlich noch größer werden?

Caws: Ich bin voll und ganz zufrieden mit dem, was wir bislang erreicht haben. Ich bin stolz auf all die Konzerte, die wir gespielt haben. Ich führe ein ziemlich normales Leben. Wären wir Superstars geworden, würden unsere Songs vielleicht gar nicht mehr authentisch klingen. Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass wir ein bisschen unterbewertet sind, macht es mir großen Spaß, ein Underdog zu sein. Deine geheime Lieblingsband. Ich kann mich nicht beschweren, die Miete konnte ich immer bezahlen. Und hungern muss ich auch nicht.

Ira Elliot: Dafür haben wir auch 20 Jahre lang hart gearbeitet. Wir haben überall mindestens zweimal gespielt und können auf eine großartige internationale Anhängerschaft zurückblicken: Kids und ihre Eltern und manchmal sogar ihre Großeltern. Da ist wirklich nichts schief gelaufen. Mit einer Band wie Nada Surf wirst du halt kein Megastar. Wir wollen auch gar keine Pop-Produkte sein, unser Anspruch ist, die Leute mit guter Musik zu unterhalten. Das ist natürlich eine Idee von gestern, aber wir sind eben nicht Musiker geworden, um irgendwann mit Gold-Lamé-Boots auf die Bühne gehen zu können. Es tut mir leid, dass wir nicht mehr zu bieten haben als schöne Musik. (lacht)

 

Wie schafft man es, neugierig und geistig rege zu bleiben, wenn man mit seinem Leben und seiner Arbeit zufrieden ist?

Caws: Ich bin nicht zwangsläufig zufrieden mit meinem Leben. Eigentlich ist die Vorstellung, dass es einem Künstler schlecht gehen muss, um große Kunst herstellen zu können, ein Klischee. Aber meine Erfahrung ist, die Probleme finden dich von allein, du musst ihnen nicht hinterherlaufen. Diese Platte beschreibt aber weniger mein Innenleben, sondern eher die Außenwelt. Viele Songwriter sind der Auffassung, sie würden immer wieder denselben Song schreiben. Ich gehöre definitiv dazu. Deshalb will ich eine bestimmte Art von Stücken nicht mehr machen.

 

Nada Surf gibt es seit 1992. Stellen Sie sich manchmal die Frage: Warum mache ich noch Musik? Bin ich überhaupt noch relevant?

Caws: Nein. Ich glaube, wir sind heute genauso wenig beziehungsweise genauso sehr relevant wie wir es immer gewesen sind. Technisch gesehen ist Nada Surf eine Indie-Rockband. Aber das spielt eh keine Rolle mehr. Wir machen was wir machen. Es ist sinnlos, über Relevanz nachzudenken. Da gehe ich lieber ein Sandwich essen.

 

Sie haben Ihr Album in Williamsburg, New York aufgenommen. Diese Gegend zeichnet sich durch ihre lebendige Musikszene aus. Es gibt dort viele alternative Rockbands und jede Menge Bars und Clubs. Ein kreativer Ort?

Elliot: Das Leben in Manhattan wird immer teurer, weshalb die Bohemien-Kultur von der Lower East Side nach Williamsburg emigriert ist. Es ist eine industrielle Gegend mit vielen alten Lagerhäusern. Vor zehn Jahren konnte man sich dort für wenig Geld ein Apartment kaufen. Heute kommen Leute aus Manhattan nach Williamsburg, um sich das bunte Treiben der Künstler und Bohemiens anzugucken. Es ist ja nur eine U-Bahnstation von Downtown entfernt. Die Gebäude sind niedrig, weshalb Williamsburg viel heller und sonniger als Manhattan wirkt. Solche Viertel findet man in New York immer seltener.

 

Matthew, wie macht sich Ihr Umzug von New York nach Cambridge in Ihrer Arbeit bemerkbar?

Caws: Bislang noch nicht so stark. Die meisten Songs sind noch in New York entstanden. Nach England bin ich gegangen, um näher bei meinem Sohn zu sein. Als ich mir mein neues Zuhause eingerichtet hatte, musste ich auch schon wieder zurück, um mit den Jungs das Album zu machen. Das war ein ganz schöner Druck, aber den braucht es manchmal auch.

 

“Nada Surf” bedeutet im Spanischen so viel wie: sich aus einer Depression befreien. Sie sagten einmal über sich selbst: „Ich bin ein manisch Depressiver ohne die Depression“. Machen Sie griesgrämige Musik für Schwermütige?

Caws: Ich glaube, das Zitat habe ich von John Steinbeck geklaut. Ist nicht jeder von uns auf seine Art ein bisschen unausgeglichen? Man muss einfach lernen, seine bizarre Seite zu kontrollieren, damit sie dein Leben nicht bestimmt. Davon abgesehen finde ich all unsere Platten optimistisch, auch wenn sie für Außenstehende ein bisschen deprimierend klingen. Leonard Cohen hat den Ruf, ein selbstmordgefährdeter Typ mit Rasierklinge in der Hand zu sein. Aber seine Songs klingen für mich allerliebst.

Der hintergründige Albumtitel “The Stars Are Indifferent To Astronomy” ist ein Zitat Ihres Vaters, einem anerkannten Philosophieprofessor. In welchem Zusammenhang benutzte er diesen Satz?

Caws: Den Satz sagt mein Vater oft vor seinen Studenten, um etwas aus der Philosophie zu illustrieren. Zum Beispiel, dass einem Hund nicht bewusst ist, dass er ein Hund ist. Oder dass die Natur nicht weiß, wie wir Menschen über sie denken. Wir urbanen Menschen klinken uns mehr und mehr aus der Natur aus. Durch Meditation versuche ich, wieder eine Verbindung zu ihr zu bekommen. Die Natur ist mächtiger als der Mensch. Sie macht mich bescheiden und demütig. Nie hat sich das Klima so schnell verändert wie heute. An den ganzen furchtbaren Stürmen und Überschwemmungen sieht man, wie klein wir Menschen in Wirklichkeit sind. Auf der anderen Seite leben wir in einem unendlichen virtuellen Paralleluniversum.

 

Ihr Vater Peter Caws hat einen Lehrstuhl für Philosophie an der George Washington Universität, Ihre Mutter Mary Ann ist Kunsthistorikerin und Literaturkritikerin. Haben Sie Ihr Faible für Sprache von den Eltern übernommen?

Caws: Von meinen Eltern habe ich den Respekt vor der Sprache übernommen. Selbst bei einem Text fürs CD-Booklet mache ich mir darüber Gedanken, wie er sich anfühlt und wie er aussieht. Spaßeshalber habe ich meiner Mutter sämtliche Songtexte geschickt, bevor sie veröffentlicht wurden. Und mein Vater ist begeistert darüber, dass wir seinen Ausspruch zum Titel unseres Albums erhoben haben. Dads Arbeit geht viel tiefer, wir machen ja nur Popsongs, haben aber ein viel größeres Publikum als er. Als wir den Albumtitel bekannt gaben, hat er ihn gegoogelt und kam auf hunderttausend Ergebnisse. Welch ein Kitzel. Mein Vater ist überglücklich.

 

Waren Ihre Akademiker-Eltern glücklich über Ihren Entschluss, Rockmusiker zu werden?

Caws: Oh, ich war viele Jahre das schwarze Schaf der Familie. Meine Eltern meinten, ich würde mein Leben verschwenden. Sie begannen erst, meine Arbeit zu respektieren, nachdem ich eine Krankenversicherung hatte und somit nicht mehr unter ihre Verantwortung fiel. Wahrscheinlich hatten sie sich für mich immer einen seriöseren Beruf gewünscht. Aber inzwischen stehen sie voll hinter mir. Das ist toll, weil meine Eltern eigentlich gar keine Rockmusik hören. Als Mutter uns das erste Mal live sah, war sie entsetzt: „Das Schlagzeug ist ja so laut!“ Das war aber kein Kommentar über uns, sondern über Rockmusik im Allgemeinen. Sie begreift das Wilde, Dunkle und Überwältigende der Rockmusik überhaupt nicht.

 

Apropos Krankenversicherung: Ist Obamas Politik des "Change", "Yes we can" und "Hand reichen" gescheitert?

Caws: Ich denke, nein. Wir hoffen alle, dass Obama wiedergewählt wird, denn er geht wirklich zur Sache. Er ist brillant darin, Leute zusammen zu bringen. Und trotzdem bilden die Republikaner einen geschlossenen Block gegen den Präsidenten, was es niemals zuvor gegeben hat. Auf diese Weise wird jegliches politisches Vorankommen verhindert. Ich verstehe die Republikaner nicht. Mit einer Steuererhöhung für Reiche wäre doch vielen ärmeren Leuten geholfen. Mich persönlich macht es immer stolz, wenn ich mich um andere, zum Beispiel meine Familie, kümmere. Wir leben in traurigen Zeiten.

 

Wie fühlt man sich als Liberaler in einem Land, in dem die konservative Tea-Party-Bewegunggegen Abtreibung und Schwulenehe, für Sozialabbau, Bürgerkriegsrevisionismus und Kirchenbesuch eintritt?

Elliot: New York ist anders, hier wurde nach 9/11 gegen den Irakkrieg demonstriert. Amerika ist leider größtenteils konservativ. Die Reichen werden immer reicher und mithin mächtiger. Die Republikaner machen Politik für Reiche, sie wollen mit allen Mitteln verhindern, dass Obama etwas an den bestehenden Verhältnissen verändert. Das hat dazu geführt, dass das politische System in Amerika stark beschädigt ist. Die Zerstörung der Mittelschicht ist sehr gefährlich für Amerika. Keine Ahnung, wie wir da wieder rauskommen. Der Versuch einer gesetzlichen Krankenversicherung ist ein Beispiel dafür. So was Sinnvolles sollte wirklich eingeführt werden, alle europäischen Länder haben es bereits. Aber die Republikaner schimpfen diesen Versuch antiamerikanisch und gefährlich. Was reden die für einen Scheiß. Wir haben jetzt die Occuppy-Wall-Street-Bewegung. Aber was ist das überhaupt? Eine linke Tea-Party? Das einzig Gute an der Situation ist, dass die Republikaner keinen vernünftigen Kandidaten finden können. Im Moment würde ich sagen, dass Obama es noch einmal schaffen könnte, solange er im Wahlkampf keine Dummheit begeht. Aber ich bin mir sicher, der Wahlkampf wird sehr hässlich werden.


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