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Interview

PfeilLana Del Rey
Die dunkle Seite der Idylle
Wer Lana Del Reys Doppelsingle „Video Games/Blue Jeans“ einmal gehört hat, bekommt ihre sehnsuchtsgetränkten Melodien nicht mehr auf dem Kopf, die eher traurig tönen als sexy. Die Sängerin aus Lake Placid tauchte wie aus dem Nichts auf - mit einer selbstkreierten Ästhetik zwischen David Lynch-Filmen und Hollywood-Melodramen aus einer längst vergangenen Zeit. Zahlreiche Musikjournalisten haben in seitenlangen Artikeln versucht herauszufinden, wer dieses säuselnde Mädchen mit dem Schmollmund wirklich ist – mit uneindeutigen Ergebnissen. Die einen halten ihre Musik für ehrfurchtgebietend, andere tun sie als Retortenprodukt ab. Was kann einem Popstar besseres passieren, als zu polarisieren? Sie selbst behauptet von sich, nicht viel zu erzählen zu haben. Ist sie aufrichtig oder ist auch ihre Schüchternheit kalkuliert? Inszeniert sie sich als Gegenpol zu Ladys Gagas überschäumendem Temperament? Olaf Neumann hatte in Berlin Gelegenheit, Lana Del Rey auf den Zahn zu fühlen.


Sie machen seit sieben Jahren Musik und niemand hat es gemerkt. Was lief schief?
Lana Del Rey: Ich habe meinen Stil schon vor langer Zeit gefunden. Er ist halt sehr speziell. Meine Songs sind kein Radio-Einheitsbrei, ich wurde anfangs eher von nichtkommerziellen Sendern wie BBC Radio One gespielt. Und das hat sich langsam herumgesprochen. Ja, ich singe tatsächlich schon ziemlich lange.

Haben Sie schon im Kinderzimmer geträllert?
Del Rey: Schon als kleines Mädchen habe ich immer gesungen. Später ging ich nach New York, um Profimusikerin zu werden. Seit ich 17 bin, stöbere ich bei YouTube nach alten Filmschnipseln. Die schneide ich dann mit eigenen Aufnahmen zusammen. Anfangs unterlegte ich die Clips mit klassischer Musik, später verwendete ich dafür meine eigenen Songs. Ich liebe YouTube.

Und wie wurde die Lizzy Grant aus dem beschaulichen Lake Placid zur geheimnisumwitterten Kunstfigur Lana Del Rey?
Del Rey: Ich möchte klarstellen, Lana Del Rey ist nicht das Alter Ego von Lizzy Grant. Ich muss nicht in eine andere Persönlichkeit schlüpfen, um meine Kunst zu machen. Es ist ein und dieselbe Person mit unterschiedlichen Namen. Ich benutze dieses Pseudonym seit 2008, damals fing ich an, Filme zu machen und dazu Musik zu schreiben. Anfangs war es ein Kunstprojekt, und ich fand, Lana Del Rey war ein treffender Name dafür. Inzwischen bin ich diese Person wirklich.

Bereits 2009 ist Ihr Debütalbum „Lana Del Rey a.k.a. Lizzy Grant“ erschienen. Warum verschwand es plötzlich wieder vom Markt?
Del Rey: In Wirklichkeit habe ich diese Platte schon vor fünf Jahren aufgenommen, aber sie lag einige Jahre auf Eis. Dann war sie endlich erhältlich - für drei Monate. Ich finde, es ist eine wunderschöne Platte, in die ich viel Herzblut gesteckt habe. Sämtliche Songs kursieren übrigens im Netz. Leider besitze ich nicht die Rechte daran. Außerdem fiel mein Debüt ausgerechnet in die Zeit, als ich gerade mit der Arbeit an meiner zweiten Platte begann. Ich wollte lieber mit neuen Sachen rauskommen. Auch das dritte Album habe ich bereits fertig im Kopf.

Das sehnsuchtsvolle “Video Games” schrieben Sie mit einem Komponisten namens Justin Parker. Wer hat Ihnen noch bei der Umsetzung Ihrer Ideen geholfen?
Del Rey: Sämtliche Worte und Melodien stammen von mir selbst. Bei der Umsetzung der Songs hat mir ein Produzenten-Duo geholfen, das sich Robopop nennt. Ich habe von Anfang an genau gewusst, was ich wollte. Ich wollte mit meiner Musik cinematische Gefühle erzeugen, dazu brauchte ich üppige Streicher in Kombination mit schweren, dunklen Beats. Die Texte, die ich schrieb, spiegeln mein Innerstes und meine Lebenserfahrungen wider. Was den Sound betrifft, ließ ich mich durch verschiedene Filmkomponisten und Hip-Hop inspirieren. Ich liebe dramatische und orchestrale Soundtracks von Filmen wie „Der Pate“ und „Scarface“. Meine Musik ist der Soundtrack meines eigenen Lebens.

Sie nennen Ihre Musik wahlweise „Hollywood Pop“ oder „Sadcore“. Ist Hollywood heute ein trauriger Ort?
Del Rey: Ich würde sagen, ich habe ein bisschen übertrieben. Oder besser: ich weiß es nicht. Ich bin ja gar nicht mehr dort. Mit diesen Begriffskreationen will ich ausdrücken, dass ich fasziniert bin von der Schönheit des alten Hollywood und den bittersüßen Aspekten meines eigenen Lebens.

Für die einen sind Sie das Mädchen aus der Wohnwagensiedlung, für die anderen die verwöhnte Tochter aus reichem Hause. Mögen Sie es, die Menschen auf die falsche Fährte zu führen?
Del Rey: Grundsätzlich geht es mir nicht darum, jemanden zu irritieren. Es ist nicht meine Schuld, dass es darüber irrige Vorstellungen gibt, wer ich bin. Als ich jung war, war mein Vater ganz bestimmt kein Millionär. Er war ein Unternehmer mit vielen Ideen. Das bedeutete aber nicht, dass er reich war. Als ich später 10.000 Dollar Vorschuss für meine erste Platte kassierte, zog ich in eine Wohnwagensiedlung, weil ich mir keine vernünftige Wohnung leisten konnte. Dort lebte ich anderthalb Jahre von 500 Dollar im Monat. Eigentlich sollte das kein Thema sein, aber jemand hat in meiner Vergangenheit gestöbert. Jetzt werde ich dauernd darauf angesprochen. Wenn man den Medien Glauben schenkt, dann muss mein Leben früher extrem wild beziehungsweise ein Haufen Scheiße gewesen sein. Das sind Fantastereien. In Wirklichkeit war es eine ganz natürliche Entwicklung. Mit 18 ging ich nach New York, bekam später einen Plattenvertrag und durfte ein Album mit einem berühmten Produzenten aufnehmen. Weil ich klamm war, zog ich halt in einen Trailer-Park. Während all dieser Zeit hat mein Vater das getan, was er immer tat: Er versuchte, im Bereich des Internets innovativ zu sein. Die meisten Unternehmer werden niemals reich.

Ihr Album heißt „Born To Die“. Wollen Sie mit Ihrer Musik die Frage nach Sinn und Tod, Leben und Vergehen ergründen?
Del Rey: Sicher ist der Name ein wenig düster, aber „Born To Die“ ist kein übergeordnetes Motto, so heißt bloß der Titelsong. Es ist doch eine unumstößliche Tatsache, dass jeder Mensch geboren wird, um irgendwann zu sterben. Als junger Mensch verschwendet man keine Gedanken an den Tod. Aber irgendwann wirst du unweigerlich mit dem Thema konfrontiert. Als mir zum ersten Mal so richtig bewusst wurde, dass auch ich nicht ewig existieren würde, versetzte es mir einen gewaltigen Schock. In meinem Leben hatte der Tod doch nichts verloren. Etwa zur gleichen Zeit durfte ich das Glück der wahren Liebe erfahren, welches meiner Seele wieder Linderung verschaffte. Diese Erfahrung wollte ich in einen Song gießen. „Born To Die“ ist mein Lieblingsstück auf dieser Platte. Es verkörpert generell, was ich mit meiner Musik ausdrücken will. Warum also nicht do ganze Platte so nennen.

Sie werden mit Nancy Sinatra, Marianne Faithfull und Tori Amos verglichen. Sind diese Damen denn wirklich Ihre Heldinnen?
Del Rey: Nein, denn ich kenne ihre Musik gar nicht. Von Nancy Sinatra sind mir gerade mal zwei Songs geläufig. Über mich wird viel geschrieben, das heißt aber noch lange nicht, dass alles der Wahrheit entspricht. Natürlich habe ich Einflüsse. Meine erste Liebe war Elvis. Er hatte eine Stimme wie Gott und sein Gesicht war wunderschön. Wenn man ihn reden hört, dann hat man das Gefühl, er muss ein wirklich netter Typ gewesen sein. Nirvana haben mich weggeblasen und Bob Dylan ist mein Role Model nicht nur wegen seiner Musik, sondern weil er künstlerisch immer integer geblieben ist.

 

 

 

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